JUTTAS BLOG – PART 2

Nationaler Highway Nr. 6: Vom Land in die Suburbs von Phnom Penh oder: Eine Straße verändert ihr Gesicht

Es ist einfach, einen Kleinbus (= Sammeltaxi) Richtung Phnom Penh zu bekommen, denn alle Nationalstraßen, eine Art Autobahn, auf der aber auch mal in die verkehrte Richtung gefahren wird oder Fußgänger oder überladene Mopeds  mit Anhängern die Standspur benutzen, beginnen und enden in der Hauptstadt!  Man stellt sich einfach an den Straßenrand und winkt, sobald einer der Kleinbusse in der Ferne zu sehen ist. Sicherheitshalber fragt man als Ausländer*in noch einmal nach: „Phnom Penh?“ Und zeigt 5 Finger für die 5.000 Riel, die die Fahrt nur kosten darf. Alle, die Khmer sprechen, machen das natürlich ganz anders!

Letzten Sonnabend (17.03.) hatte ich Glück: wir waren insgesamt nur 5 Passagiere und ich hatte eine ganze Sitzreihe für mich, was umgekehrt, auf der Fahrt Phnom Penh – Projektort, nie möglich ist. Da sitzt man gedrängt: 4 Personen + Taschen auf offiziell 3 Sitzplätzen!

Da die Nationalstraße Nr. 6 immer irgendwie in der Nähe des Mekong-Flusses verläuft, ist die Landschaft links und rechts der Straße grün, auch jetzt in der eigentlichen Trockenzeit. Vor allem große Bananenplantagen sind zu sehen, an manchen Stellen auch Reisfelder. Unterbrochen wird das Grün durch die zahlreichen kleinen und großen Tempelanlagen auf beiden Seiten der Straße. Viele glänzen in der Sonne, andere sind eher grau. Wovon der Reichtum einer Tempelanlage abhängt weiß ich nicht.

Etwas weiter von der Straße entfernt liegen Felder, manchmal auch kleine Seen, an denen Enten gezüchtet, Fische gefangen und in den kleinen Bewässerungskanälen, die von diesen Seen abgeleitet werden, irgendwelche Krebse, Schnecken und Muscheln (oder auch Frösche?) gesammelt werden. Wir konnten bisher nur einmal einen Mann mit improvisierter Tauchausrüstung – eine Art umfunktionierter Wassertank mit einem Gartenschlauch – in einem der Kanäle beobachten, allerdings ohne seine Tauchergebnisse zu Gesicht zu bekommen.

Am frühen und späteren Vormittag sind die ganz in Orange gekleideten buddhistischen Mönche unterwegs, oft mit einem farblich im Ton abgestimmten Regen-/ Sonnenschirm:  Zu Fuß, hinten auf einem Moped oder Motorroller oder im Tuk-tuk, um Spenden, vor allem  Lebensmittel, zu sammeln, die sie vor Mittag essen müssen, denn danach müssen sie bis zum frühen Morgen fasten – das Essen, das übrig bleibt, wird im Tempel an Bedürftige ausgegeben.

Das Spannende, neben den Tempelanlagen sind die traditionellen Khmer-Wohnhäuser, die auf Stelzen gebaut sind. Abhängig vom Reichtum der Bewohner sind die Dächer mit Palmenblättern oder roten, manchmal auch blauen Ziegeln bedeckt, die Wände bestehen aus Palmblattgeflechten oder Holz. Die Stelzenhäuser, die es  heutzutage fast nur noch auf dem Land gibt, sind – so die feste Überzeugung vieler Kambodschaner – gesünder als das Wohnen zu ebener Erde. Und der Raum unter dem eigentlichen Haus dient als zusätzliches Zimmer, Schlafplatz bei großer Hitze, Parkplatz, Lagerraum und vieles mehr.

Doch die Veränderungen sind überall sichtbar. Heute sollen feste Steinhäuser, die auch immer häufiger an der Straße zu sehen sind, den Wohlstand des Besitzers widerspiegeln. Noch dominieren auf den ersten 10 bis 15 Kilometern der ca. 36 km langen Strecke nach Phnom Penh – immer von unserem Projektort aus betrachtet – die einzeln stehenden Stelzen- aber auch immer mehr Steinhäuser, die allerdings selten mehr als 2 Stockwerke haben.

Doch mit jedem Kilometer, den Mensch sich der Hauptstadt nähert, wird das Straßenbild zuerst „industrieller“, mit kleineren Fabriken, größeren Lagerhallen, und dann kommen die „modernen“ Wohnsiedlungen für die Mittelschicht (oder zieht auch die Oberschicht in diese Siedlungen??), meistens mit einem Aufsehen erregenden überdimensionierten Eingangstor und poetischen Namen wie „Botanic City“, „Living with Nature“ (auch wenn die zum Bau erstmal zerstört worden war!) und anderen Namen, die ich nicht immer auf die Schnelle entziffern kann. Es sind oft dicht an dicht gedrängte vom Design her eher einfallslose Reihenhäuser, aber mit Parkplatz!

Und zwischen diesen Siedlungen und/ oder Betrieben, noch immer an der Nationalstraße, kleinere und größere farbenfrohe Märkte auf denen meistens Frauen ver- und einkaufen, oft mit einem Schlafanzug bekleidet, was aber auch in der Stadt „normal“ ist. Das Angebot ist vielfältig: Obst, Gemüse, kleine Muscheln und Schnecken, die überall angeboten werden, Fisch, Fleisch, das liegend oder an Haken hängend auf Käufer*innen wartet, ungekühlt und das in der heißen Luft bestimmt nicht aromatischer und gesünder wird,. Je nach Größe des Marktes erweitert sich auch das Angebot, schließt Textilien, Plastik-Haushaltsgeräte und vieles andere mehr mit ein.

Und der Verkehr nimmt zu. Und irgendwann ist der Übergang zwischen Vorstadt und Hauptstadt nicht mehr auszumachen.

Der vorprogrammierte Stau beginnt hunderte von Metern vor der „Japanischen Brücke“, die überquert werden muss, um in die Hauptstadt und ihr historisches Zentrum zu kommen. Die eigentlich 8-spurige Brücke wird erneuert, der gesamte Verkehr auf 4 Spuren zusammengeführt, wobei sich die Motorrad- und Motorrollerfahrer*innen vordrängeln, seltener die Tuk-Tuks – ohne die ihnen eigentlich zugewiesene Spur am rechten Rand auch nur im Geringsten zu beachten.

Manchmal gibt es auch eine Umleitung, nämlich dann – so wurde uns erzählt – wenn für einen wichtigen Politiker oder Funktionär oder Staatsgast „freie Fahrt“ ohne Stau organisiert werden soll/ muss. Dass Hunderttausende deshalb zu spät zur Arbeit oder zu anderen Verabredungen und Verpflichtungen kommen, spielt keine Rolle.

Hier sind es die hierarchischen gesellschaftlichen Strukturen und Beziehungen, die bestimmend sind.

Da es morgen, Samstag, 24.03., die sogenannte „Movie Night“ gibt, die allerdings bereits um 16 Uhr beginnt, damit die Kinder nicht zu spät nach Hause kommen, fahre ich dieses Wochenende nicht nach Phnom Penh. Wir, d.h. Laura und ich, werden auf den Markt gehen, Kopien für den Unterricht der kommenden Woche machen lassen und einfach entspannen – und versuchen, einen Weg zum Mekong zu finden.