Update zur Coronakrise – Teil 6

Liebe Unterstützer:innen von Kidshelp Kambodscha e.V.,

der so genannte 20.-Februar-Vorfall (February-20th-incident) hat Kambodscha seit nun mehr als zweieinhalb Monaten fest im Griff. Im letzten Blogbeitrag (11.03.2021) haben wir über die Anfänge berichtet. Zum ersten Mal kam es zu einer verhältnismäßig großen Verbreitung des Coronavirus in diesem Land, das im ersten Pandemiejahr, die Infektionszahlen betrachtend, sehr glimpflich und unversehrt durch die Krise kam. Das jetzige Ausmaß war und ist für Kambodscha beträchtlich.

Die im ersten Pandemiejahr insgesamt (!) nur knapp 500 positiven Coronafälle waren binnen weniger Tage verdoppelt, täglich kamen zuerst zig Neuinfektionen dazu, danach hunderte; mittlerweile sind beinahe 23.000 positive Fälle registriert, 22.000 davon werden dem 20.-Februar-Ausbruch zugerechnet. Aus 0 Todesfällen im ersten Pandemiejahr wurden nun binnen kurzer Zeit mehr als 150.

Selbst wenn diese Zahlen vergleichsweise gering erscheinen, so war und ist die Angst enorm und, das Gesundheitssystem im Blick, durchaus berechtigt. Die kambodschanische Regierung sowie die lokalen Behörden reagierten mit auch in Europa mehr oder weniger bekannten Maßnahmen: Lockdowns, Reisebeschränkungen und -verbote zwischen Regionen, nächtliche Ausgangssperren, Schließungen von Schulen, Universitäten, Märkten, Geschäften, Hotels und Restaurants, Fabriken, Maskenpflicht auf der Straße und am Moped sowie ein allgemeines Alkoholverkaufsverbot.

Eine weitere Sperre in Phnom Penh während des Lockdowns
Eine Absperrung zwischen zwei Stadtteilen in Phnom Penh während des Lockdowns im April 2021

Die Region Sihanoukville war beispielsweise mehr als zwei Monate abgeriegelt; Phnom Penh war drei Wochen im kompletten Lockdown mit nächtlicher Ausgangssperre und allen Bezirken voneinander mit Straßensperren und durch Polizei/Militär abgeriegelt; manche Hochinzidenz-Gebiete in der Stadt wurden als „rote Zonen“ gekennzeichnet – in diesen durften/dürfen die Menschen ihre Häuser unter keinen Umständen (Ausnahme: medizinische Notfälle) verlassen, die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln wurde/wird durch Militär und Polizei organisiert. Kurz durfte bei Regelbruch in roten Zonen von der Polizei umgehend zur Rute als Disziplinierungsmaßnahme gegriffen werden, was schlussendlich aber vom zuständigen Ministerium widerrufen wurde. Textilfabriken und große Märkte entpuppten sich, nachdem anfänglich in erster Linie Gegenden mit Casinos und Nachtclubs betroffen waren, als besonders günstig für die Verbreitung des Coronavirus. Das im letzten Jahr abgesagte Khmer-Neujahr wurde in diesem Jahr zwar nicht abgesagt, allerdings wurde dem Fest, das mit hoher Inlandsreisetätigkeit und Familienzusammenkünften verbunden ist, mit der rasch eingeführten Reisebeschränkung, dem Lockdown von Phnom Penh, Takhmao und Sihanoukville, der Schließung von Tourismusressorts sowie einem landesweiten Alkoholverkaufsverbot quasi die Grundlage entzogen. Und dennoch hat das Virus es mittlerweile in jede Provinz des Landes geschafft.

Lockdownmaßnahmen führten kurzzeitig zu Lieferschwierigkeiten, Phnom Penh im April 2021

Nach bis vor kurzem stetig steigenden Zahlen sinken diese in den letzten Tagen nun wieder (beispielsweise von durchschnittlichen 714 täglichen Neuinfektionen in den ersten fünf Maitagen auf durchschnittlich 350 tägliche Neuinfektionen in den fünf Tagen vor/bis 18. Mai). Viele der Einschränkungen wurden wieder (teilweise) aufgehoben, nur nächtliche Ausgangssperren, Alkoholverkaufsverbote, kleinräumige rote Zonen und regionale Beschränkungen, geschlossene Lokale und Restaurants (Ausnahme: Take-away und Lieferservice) bleiben noch bestehen. Impfungen laufen an – besonders alle erwachsenen Bewohner:innen von Phnom Penh und der angrenzenden Provinz Kandal sollen rasch geimpft werden; das derzeitige Tempo stimmt zuversichtlich. Zwei Millionen Impfdosen wurden bisher verabreicht, zuletzt am 16. Mai traf eine neue Lieferung mit einer halben Million Impfdosen aus China ein. Viele unserer Lehrkräfte und manche unserer Student:innen erhielten bereits eine oder beide Impfdosen.

Die derzeitige Stimmung in Kambodscha zu beschreiben, ist ein schwieriges und natürlich sehr persönlich eingefärbtes Unterfangen. Der Eindruck hier vor Ort war jedenfalls geprägt von Verängstigung bis Panik; die Medienberichte überschlugen sich über ca. 10 Wochen mit mehreren Artikeln stündlich, jeder einzelne Todesfall, jeder Regelbruch mit Verhaftung, jede kritische Stimme war eine neue Meldung wert; die Kommunikation der politischen Maßnahmen funktionierte oft über nächtliche Facebook-Aussendungen und Sprachnachrichten und anschließend umgehender Gültigkeit – weshalb es unmöglich erschien, nicht laufend am Ball zu bleiben.

Wie betrifft das die Arbeit von Kidshelp Kambodscha e.V.?

Wie schon teilweise im vergangenen Jahr ist die Arbeit von Kidshelp in dieser akuten Pandemiezeit auch eingeschränkt. Unsere Englischschule ist wieder/weiterhin geschlossen, die Student:innen studieren ausschließlich online. Das geht mit einem deutlichen Qualitätsverlust einher, berichten doch viele davon, dass sie zwar Aufgaben erhalten und bearbeiten, aber keine Möglichkeit mehr für Fragen haben bzw. ihre Fragen im Nichts verlaufen. Der Stadtteil, in dem unsere Wohnheime für Student:innen liegen, war für einige Zeit eine rote Zone. Gewisse Uni-/Kursgebühren konnten wir mit etwas Schwierigkeiten (weil zum Beispiel auch der Weg zur Bank versperrt war) mittels Überweisung zumindest tätigen. Ebenso konnten wir dank eurer/Ihrer Unterstützung weiterhin eine Nothilfe für unsere Lehrkräfte bezahlen, von denen viele aktuell auch unter Einkommensentfall leiden. Die Auszahlung der Patengelder ist erschwert und hängt davon ab, ob der Village Chief diese erlaubt; wir sind zuversichtlich, dass im Mai noch eine Auszahlung stattfinden kann (sollte erst im Juni ausgezahlt werden können, wird der nicht ausgezahlte Monat natürlich mit ausgezahlt).

Viele Familien erleb(t)en einen neuerlichen wirtschaftlichen Rückschlag; war bis Ende Februar quasi vieles im Vollbetrieb (mit der großen Ausnahme des Tourismus), so war in den letzten 2-3 Monaten in vielen Bereichen ein kompletter Einkommensausfall hinzunehmen. Die geschlossenen Schulen sind für viele Kinder, besonders aus den sozio-ökonomisch schlecht gestellten Familien, wenn keine Katastrophe, dann zumindest eine riesige Herausforderung für die Zukunft. Online-Learning-Tools sollen vermehrt eingeführt werden, aber wie so oft kann das nur eine teilweise Antwort sein, v.a. wenn die Rahmenbedingungen sonst nicht gegeben sind (zum Beispiel ein geeigneter Ort, um zu lernen).

Für Organisationen wie Kidshelp bedeutet eine Krise wie diese: Die Arbeit, selbst wenn sie derzeit so eingeschränkt ist, bleibt von immenser Bedeutung. Eine kleine NGO sieht das besonders dadurch, dass ihr quasi alle unterstützten Personen persönlich bekannt sind, direkter Kontakt und ein dementsprechend genauer Blick auf die individuellen Umstände und Herausforderungen möglich ist. Es bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung – auch mit einem hohen Impftempo und dem Beibehalten bzw. Einführen geeigneter Maßnahmen – eine gute sein wird und die tatsächliche Arbeit im direkten Kontakt mit den Patenkindern, den Student:innen und ihren Familien bald wieder stattfinden kann.

Zum Abschluss noch eine persönliche Information. Ich, Florian, verabschiede mich hiermit bei euch/Ihnen als Landesdirektor von Kidshelp Kambodscha. Sehr gerne hätte ich mich erst nächstes oder übernächstes Jahr, jedenfalls viel später bei euch/Ihnen verabschiedet. In der Pandemie kam leider alles anders als geplant, gewünscht, gedacht, gehofft. Nun heißt es schon nach knappen fünf Monaten von Kambodscha und Kidshelp Abschied zu nehmen, aus gesundheitlichen Gründen war bzw. ist das leider notwendig.
Unsere langjährigen und kompetenten Mitarbeiter:innen vor Ort, Khath Khemara und Hun Tharith, werden die meisten Aufgaben der Landesdirektion vorerst übernehmen – so lange, bis Kidshelp wieder eine:n Landesdirektor:in entsenden (können) wird. In all dieser großen Enttäuschung entsteht dadurch für Khemara und Tharith auch eine große Chance und wir freuen uns über und danken Ihnen für ihre rasche Zusage, neue Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen! Was das Projekt unserer neuen Schule betrifft, ist das Projektteam aktuell dabei, die kürzlich eingetroffenen Angebote von Baufirmen zu prüfen, miteinander zu vergleichen und die Ergebnisse zu evaluieren.

Mit herzlichen Grüßen,

euer/Ihr Kidshelp-Kambodscha Team

Eine Chili-Farbenfreude auf einem üblicherweise geschäftigen Platz